Kindererziehung zeitgemäß
Ich möchte im Folgenden versuchen, den Wert der Erziehung und die frühkindliche Begleitung einmal von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Selbstverständlich tue ich dies in dem Wissen um die Kontroversität und die Polarität, die diese kleine Veränderung der Sichtweise verursacht.
Ich bin jedoch der Überzeugung, dass eine Abkehr der Massenmanipulation, der die Allgemeinheit unterliegt, unterstützt von nicht wenigen Ärzten, einmal Not tut.
Auch ist dieses selbstverständlich nicht dogmatisch zu betrachten, sondern nur als Anregung zu verstehen. Selbstverständlich sind gerade junge "Erst-Eltern" im Besonderen besorgt, etwas falsch zu machen und neigen daher dazu, die Dinge zu tun, die die Allgemeinheit tut.
Streng nach dem Motto: "Was so viele machen, kann nicht falsch sein!".
Eltern hingegen, die bereits ein Kind erfolgreich "großgezogen" haben, werden natürlich eher zu den von ihnen bereits erfolgreich angewandten Erziehungsmethoden greifen.
Gestatten Sie mir jedoch kurzfristig einen anderen Blick auf diese Methoden:
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass oft das oberste Bestreben der Eltern die "vermeindlich" schnelle Autonomie ihrer Kinder ist?
Dieses wird oft mit einer erstaunlichen Konsequenz umgesetzt, obwohl zugleich den Kindern im Allgemeinen und Einzelkindern im Besonderen in den nachfolgenden Lebensjahren oft jegliche Aufgabe abgenommen wird und diese damit erneut um ihre "erzwungene" Autonomie gebracht werden. Allerdings auf eine andere Weise.
Ein Säugling, der neun Monate in einer Einheit mit seiner Mutter herangewachsen ist und nichts anderes kennt, kennt das unmittelbar nach der Geburt auch noch nicht.
Er kann noch lange nicht zwischen sich und der Mutter unterscheiden.
Dennoch scheint es, natürlich unbewusst, das größte Bestreben der Eltern zu sein, diese Trennung so hart wie möglich für das Kind zu vollziehen. Zunächst einmal wird der Säugling in ein eigens für ihn angemaltes Zimmer gepackt und in ein eigens für ihn erstandenes Bettchen gelegt. Oberstes Qualitätsmerkmal für ein "gutes Kind" scheint dann die positive Beantwortung der Frage zu sein "ob es denn schon durchschlafe?"
Halten Sie das für Normal, obwohl kurze Zeit vorher noch das Kind oft scheinbar gerade nachts im Bauch aktiv gewesen zu sein scheint? Die Tendenz nach dem Austragen scheint nun zu sein, das Kind fast sprichwörtlich von sich wegzuschieben. Erst ins Bettchen, dann ins Zimmerchen und in den Kinderwagen. Wie glauben Sie, sieht das wohl für die Bewohnerin eines Naturvolkes aus, wenn sie sieht, dass bei uns die Mütter die Einkäufe unter dem Arm, aber das eigene Kind in einem Wage vor sich her schieben? Der Vergleich kommt nicht von ungefähr. Mitglieder immer noch weniger vorhandener Naturvölker gelten, wenngleich ungebildet und unbelesen, als unbestritten unerreichbar im Bezug auf ihre emotionale Entwicklung und seelische Ausgeglichenheit. Das Fundament hierfür liegt bewiesenermaßen in der frühen Kindheit. Dort gibt es weder Kinderbettchen, Kinderzimmer, Kinderwagen noch Brustersatz (Schnuller). Kurz: Es gibt nichts, was die Nähe der Mutter ersetzt. Selbstverständlich würde dieser "naturbelassene" Erziehungsstil in unserer zivilisierten Industrienation oft nicht zu realisieren sein, da mittlerweile auch junge Mütter oft zu schnell wieder Geld verdienen müssen. (Auch alleinerziehende Mütter gibt es meiner Information gemäß in Naturvölkern bei weitem nicht so oft wie hierzulande) Die Verdrehung jedoch beginnt mit der Umkehr ins Negative. Es scheint doch von jeher die Ideallinie eines Lebewesens zu sein, auf natürlichem Wege in diese Welt zu gelangen, gestillt zu werden und unentwegt die körperliche Nähe der Mutter zu spüren, bis es seinem Trieb gemäß von alleine beginnt die Welt zu erkunden.
Wenn Sie jedoch heutzutage in einer Runde von Müttern oder Eltern zum Besten gäben, Ihr Kind hätte zumindest innerhalb des ersten Jahres weder ein eigenes Zimmer noch ein eigenes Bettchen, bekäme darüber hinaus statt eines Schnullers auf verlangen die Brust und würde statt in einem Kinderwagen am Körper getragen, könnten Sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf Predigten vorbereiten, die Ihnen die Schädlichkeit all Ihrer Handlungen in den schillernsten Farben schildern würden. Die Stärke des Gegenwindes lässt vermuten, dass es hier oft weniger um gute Erziehungsratschläge aufgrund fundierten Wissens geht, als vielmehr um die Verteidigung der eigenen Handlungen, getrieben von der nicht bewussten Angst, selber vielleicht nicht "ideal" gehandelt oder gefehlt zu haben.
Ich denke, dass die, wenn es sie gäbe, "perfekten" Eltern sich in einer nicht perfekten Welt ebenso durch Erfolglosigkeit im Bezug auf die Perfektion ihres Kind auszeichnen würden.
Diese ist daher auch nicht erstrebenswert. Ich denke, dass eines der unabdingbaren Mittel für die Erziehung von Kindern eine reife, entwickelte Integrität der Eltern ist. Des weiteren hat jeder emotional "normal" entwickelte Mensch instinktiv ein Wissen um die Prinzipien menschlichen Lebens, auf das er lernen sollte sich verlassen zu können.
Dieses scheint mir oft mehr Wert zu sein als oft wiederholte und damit auch nicht wahrer gewordene Erziehungsstile, die scheinbar versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen.
Dr. Dirk De Souza
Therapeut der Firma PMI
guener98 [at] gmx.de