Fotobücher und die Schwelle zur Professionalität
Wer im Zuge des technologischen Fortschritts und Preisverfalls bei digitalen Fotografie- und Bearbeitungstechnologien den Eindruck gewinnt, er sei nicht länger auf langjährig erfahrene Profi-Fotografen mit teuerem Gerätefuhrpark angewiesen und könne seine Fotobücher im Alleingang produzieren, der liegt zunächst nicht gänzlich falsch; dennoch sollte man sich gerade als ambitionierte Privatperson mit Geduld und Enthusiasmus über gewisse methodische und qualitative Obergrenzen im Klaren sein, um Enttäuschungen über die Resultate zu vermeiden.
Ob aus Mangel an Bearbeitungszeit, Expertise oder erstklassigem Equipment, in der Praxis stellen sich häufig folgende Limitationen heraus:
1. Auswahl und Kombination
Auch wenn es wie ein Klischee anmuten mag, mit dem Profifotografen ihre Kunden von ihrer umfassenden Kompetenz überzeugen, so ist es korrekt, dass ein Experte fundiertere und vor allem schnellere Entscheidungen über die Auswahl einzelner Motive aus einer Bibliothek von Hunderten oder Tausenden von Aufnahmen einer Serie treffen kann. Dies betrifft nicht nur technische Aspekte wie ästhetisch ansprechende Ausleuchtung, Schärfe, motivische Symmetrie und vorteilhafte Gesichtsausdrücke bei Porträts, sondern auch die Zusammenstellung mehrerer Motive, die in einem Fotobuch auf gegenüberliegenden Seiten abgebildet werden. Besonders einem selbst abgelichteten Hobbyfotografen mag der nötige Abstand fehlen, nicht zu viele ähnliche Motive zu gruppieren.
2. Allgemeine Rechenleistungsreserven
Auch wenn Notebooks und Desktop-PCs für Privatanwender stetig aufholen, so können dennoch im Heimbereich übliche Festplatten- und Arbeitsspeicher-Kapazitäten zu frustrierenden Verzögerungen bei der Bearbeitung mehrerer Gigabyte großer Bibliotheken führen. Die für Fotobuch-Produktionen optimierten Workstations eines Fotografen (meist Apple PowerMac G5 oder Mac Pro mit 4 bis 8 GB RAM und 10,000rpm- bzw. RAID-Festplatten) erledigen die gleichen mechanischen Arbeiten in einem Bruchteil der Zeit, was wiederum mehr Konzentration auf formale und ästhetische Aspekte ermöglicht.
3. Auflösung und Tiefenschärfe
Speziell bei Panorama- oder Weitwinkel-Aufnahmen etwa einer Landschaft oder einer Hochzeitsgesellschaft werden bewusst Reserveränder in das Motiv mit eingeplant, die später weggeschnitten werden können. Um trotz Zuschnitt und Zoom ein angemessenes Verhältnis aus digitalen Fotopixeln und später zu druckenden Bildpunkten auf dem Papier eines Fotobuches zu bewahren, wird der Profi von Anfang an die Maximalauflösung (jenseits von 5000 Pixeln Breite) seiner Kameras verwenden.
4. Kompression und Artefakte
Speziell beim Ablichten von Naturphänomenen wie Wolken, Wasser, Sand oder Pflanzen, aber auch bei Nahaufnahmen von Gesichtern werden durch JPEG-Kompression bedingte Datenreduzierungen in der Bilddatei schonungslos offenbart. Um diesen Problemkreis vollständig zu umgehen, wird ein Profifotograf grundsätzlich im unkomprimierten RAW-Format arbeiten. Da eine Aufnahme dann leicht 60 MB verschlingen kann, werden entsprechend teuere, große Speicherkarten mit hoher Schreibgeschwindigkeit (60 MB/s und mehr) notwendig, die das Budget eines Hobbyisten schnell sprengen.
5. Farbtreue und Kalibration
In Zeiten, wo TFT-Displays für Konsumenten auf Kampfpreise von 99 EURO aufwärts einbrechen, mag der Hobby-Fotograf nur zu leicht vergessen, dass diese Einstiegsgeräte weder gleichmäßige Ausleuchtung noch Farbtreue garantieren können. Nicht umsonst kosten von Profis verwendete Displays von EIZO, Kalibrationsgeräte und Lichtschutzrahmen zum Aufsatz auf Display-Ränder allein ein vielfaches dieser Consumer-Displays. Dass auch Markenhersteller wie Apple nicht vor Einsparungen am falschen Ende sicher sind, beweisen Pannen wie der 18bit-Farb-Controller aktueller 20-Zoll-iMacs, der etwa Farbgradientenverläufe in unangenehmer, für die Druckvorstufe eines Fotobuchs untauglicher Blockquantisierung darstellt.
Wer diese Problemkreise zumindest beachtet, wird entweder massive Investitionen tätigen, oder den Auftrag für das Fotobuch gleich dem Vollzeitprofi seines Vertrauens überlassen.
Julian Wurm