Religion als Gegenmittel gegen Langeweile am Sächsischen Königshof
Bis zur Selbstauflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Jahr 1806 galten im Kurfürstentum Sachsen die höfischen Regelungen des "Alten Hofes".
Der Tagesablauf aller Mitglieder der Herrscherfamilie war durch Religionsübungen, täglich angeordnete Belustigungen sowie das Zeremoniell der Repräsentation geprägt. So wurden alle Beschäftigungen und Normen des weltlichen und kirchlichen Kontextes miteinander verschmolzen um der Herrscherfamilie Verhaltensweise und Selbstverständnis von der Stellung des Herrschers regelrecht anzuerziehen. Aus der daraus entstandenen Haltung konnte sich kein Familienmitglied lösen.
Indem die Ausübung der Religion eine so große Rolle spielte, kam es zu geradezu tragischen Deformationen menschlicher Wahrnehmung. Kurios war zum Beispiel die von Prinz Anton von Sachsen ( 1755-1836, König von 1827 bis 1836 ) durchgeführte Wallfahrt nach Jerusalem. Sie bestand darin, daß der Prinz diese nach der Zahl der Schritte bemessen hat, die er mit einem Rosenkranz in seinem Zimmer abtat. Prinz Anton ist bei einem Stadtrundgang in Dresden am berühmten Fürstenzug zu sehen. Dort wird er allerdings bereits als König präsentiert.Als Herrscher hatte der Prinz wie auch seine Vorgänger und Nachfolger sich in religiösen Dingen als liberal erwiesen. Die Herrscher verstanden sehr gut ihre privaten Neigungen vor der Öffentlichkeit zu verbergen und konnten private Haltung und staatsmännische Erfordernisse sehr gut voneinander scheiden.
Fromme Spielereien wie die eben geschilderte Wallfahrt nach Jerusalem dienten sicher auch dazu, die Menschen vor der schrecklichen Langeweile zu schützen, die in der Regel die Mitglieder Herrscherfamilien täglich heimsuchte. Damit dieses System der religiösen "Andachtsübungen" funktionierte, wurden den Prinzen durch ihre Lehrer und Beichtväter ausschließlich von diesen zensierte Bücher zum Lesen übergeben. Zu ihrer Umgebung wählte man recht beschränkte Menschen, die Oberhofmeister wurden von den jeweiligen Premierministern kontrolliert. Anstelle der ernsthaften Betätigung mit politischen und gesellschaftlichen Fragen, sollten die Prinzen sich mit Wissenschaften wie Mathematik, Sprachen oder Geschichte beschäftigen.
Ungezählt sind die Katastrophen, die vor allem die Mitglieder katholischer und protestantischer Höfe aufgrund von allzu tief empfundener Religiosität ereilte. Religiöser Übereifer sorgte so für skandalträchtige Geschichten, denen sich kaum ein Herrscherhaus entziehen konnte.
Wiederum in Sachsen ereignete es sich in den Zeiten des Sturm und Drang, daß sich die Schwester des Kurfürsten Friedrich August III., Prinzessin Marianne, in einen Grafen Stollberg verliebte. Dieser war ganz der Inbegriff des schmachtenden, passiven Liebhabers des sentimentalen Zeitalters. Die katholisch erzogene Kurprinzessin und die Werther-Figur des Grafen Stollberg konnten so nicht zusammen finden. Obwohl es keine Anzeichen für eine Affäre beider gab, wurde der Graf für ein halbes Jahr vom Militärdienst beurlaubt und beiden war damit jegliche Annäherung unmöglich. Später kam bei Hochzeitsverhandlungen mit dem Turiner Hof diese "Liaison" wieder auf und die sächsische Prinzessin war als Braut nicht mehr vermittelbar.
Auch Friedrich August III. ist bei einem Stadtrundgang in Dresden auf dem Fürstenzug hoch zu Roß zu sehen.
Michael Brey
info [at] brey-kunstkultur.de