Witze
Sich gegenseitig Witze zu erzählen, dient bei einem Treffen mit Freunden oder Bekannten oder auch in privater gewordenen Teilen von geschäftlichen Zusammenkünften zur Auflockerung der Atmosphäre. Es ist eine Unterhaltungsform, die sozusagen aus Unterhaltung mit Unterhaltung entsteht. Dabei werden als Zutaten für Witze vorhandene, erstarrte Klischees oder klischeebehaftete Personengruppen aufs Korn genommen. Die Treffsicherheit der Witze entsteht in den Köpfen des Publikums, wenn die klischeehaften Erwartungen in der Weise befriedigt werden, dass die entstandene peinliche, aber lustig oder komisch wirkende Situation als Ausweg das Ausbrechen aus dem jeweiligen Klischee hat. Damit der Erzähler von Witzen Erfolg hat, darf der jeweilige Witz eine bestimmte Distanzschwelle zum Zuhörer nicht überschreiten. Deshalb ist der erfolgreiche Erzähler von Witzen mit einem Gespür für das Publikum ausgestattet.
Im Zeitalter des Barock, am Hofe französischer Könige, soll eine Disziplin des Erzählens von Witzen entstanden sein. Dabei wird für Witze der französische Ausdruck Bonmot für einen einzelnen Witz verwendet. Das Regelwerk für Bonmots umfasst eine trockene Erzählweise, die Hüsteln oder Lachen des Erzählers verbietet und den Einsatz der geistigen Fähigkeiten des Erzählers einfordert. Die geistigen Fähigkeiten werden mit dem französischen Ausdruck Esprit umschrieben, Witze müssten demnach also Geist besitzen. Der Sonnenkönig, so heißt es, habe Audienzen nur Personen gewährt, die in einem Vorgespräch oder auch in vorher stattgefundenen Wettbewerben gute Bonmots erzählt haben. Wer durch Erzählen von Witzen den König unterhalten hat, hat also in einer persönlichen Audienz dann die ernsthaften Projekte vortragen können. Damit ist das Erzählen von Witzen dieser Art ein Fortschrittsmotor der damaligen französischen Gesellschaft gewesen.
Zur selben Zeit soll am englischen Hofe das Erzählen niveauvoller Witze ebenfalls Bedeutung erlangt haben. Der englische Ausdruck Humour für Humor umschreibt dabei die trockene Vortragsweise kurzer Sätze mit anschließender Pause für die Wirkungserzielung. Natürlich sind solche Disziplinen der Erzählung von Witzen nicht dazu gedacht, die zweckfreie, lockere Art zu fördern, die wir in unserer Zeit kennen. Trotzdem lehrt uns die Geschichte, dass Witze vorher gut durchdacht sein sollten, obwohl ja bekanntlich sowieso erst gedacht werden soll, bevor man etwas ausspricht.
Dr. Thomas F. Gritzner
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